Cremoneser Geigenlack

"Das Geheimnis von Stradivaris berühmten Lacken

Wer auch immer die Legende vom geheimnisvollen Lack Stradivaris in die Welt gesetzt hat – er oder sie muss ein genialer Marketingstratege gewesen sein. Denn es scheint gerade dieses Geheimnis zu sein, dass aus einer sehr guten Geige ein begehrtes Sammlerobjekt macht, für das bei Auktionen Millionenbeträge bezahlt werden.

Ein nüchterner Blick in die Wissenschaft zeichnet jedoch ein anderes Bild. Bis heute hat keine Analyse geheimnisvolle oder exotische Zutaten zutage gefördert. Vielmehr ist sich die Forschung weitgehend einig, dass Stradivaris Lack hauptsächlich aus zwei damals alltäglichen Materialien bestand: Leinöl und Kolophonium.

Die eigentliche Herausforderung lag und liegt nicht in den Zutaten, sondern in ihrer Verarbeitung. Um einen haltbaren Öllack herzustellen, muss das Kolophonium über viele Stunden bei hohen Temperaturen gekocht werden, damals auf offenem Feuer. Aus Brandschutzgründen war das Lackkochen innerhalb vieler Städte streng reglementiert oder sogar verboten. Daher spricht einiges dafür, dass Stradivari seinen Lack nicht selbst kochte, sondern fertig kaufte und allenfalls noch eine seine Bedürfnisse angepasst hat.

Wer heute einen traditionellen Cremoneser Lack verwenden möchte, kommt meist nicht darum herum, ihn selbst zu kochen. Dafür braucht es vor allem Geduld.

Das Kolophonium muss während der langen Kochphase regelmäßig kontrolliert werden, um den gewünschten Bräunungsgrad zu erreichen. Auch das genaue Mischungsverhältnis von Kolophonium und Leinöl ist bis heute nicht überliefert. Am Ende bleibt deshalb nur eines: ausprobieren.

Trotz alledem kochen wir seit einigen Jahren regelmäßig Cremoneser Lack. Lohnt sich dieser Aufwand? Klanglich konnte ich bislang keinen eindeutigen Vorteil feststellen. Die optische Wirkung dagegen ist beeindruckend. Traditioneller Kolophoniumlack gibt dem Instrument eine goldene Tiefe und Lebendigkeit, die andere Lacke vermissen lassen. Und die Augen hören bekanntlich mit.